«Kirche kommt an» – zum Beispiel bei der Luzerner Gassenarbeit. Wie, fasst der Vierminüter zusammen, der erste von mehreren Kurzfilmen, den die Luzerner Landeskirchen in ihrem Jubiläumsjahr produzieren. Darin erzählen Menschen, persönlich und als Mitarbeitende von Einrichtungen, wie sie Kirche in ihrem Alltag erleben; das alte Ruderboot, mit dem die Landeskirchen 2020 unterwegs sind, kommt dabei wiederkehrend ins Bild.

Die Luzerner Filmemacherin Antonia Meile schreibt die Konzepte für die Filme, dreht auch selbst und schneidet. Die Musik stammt von Martin Waespe.

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Kirche bietet handfeste Hilfe. In Luzern unterstützt die kirchliche Gassenarbeit Menschen, die von Sucht und Armut betroffen sind, in allen Lebenlagen. Die Kirche, damals Gründerin des Trägervereins, setze hier ihre urchristliche Haltung in die Tat um, sagt Seelsorger Franz Zemp.

«Uns geht es um die Würde jedes einzelnen Menschen, um Gerechtigkeit und Selbstverantwortung», sagt Zemp. Das heisst zum Beispiel, ganz praktisch: In der Kontakt- und Anlaufstelle gibts Duschen und saubere Kleider. «Damit Frauen und Männer trotz Sucht und Armut einigermassen gepflegt, frisiert und gut angezogen unterwegs sein können», wie die Mitarbeiterin Angelika Wanner sagt. Oder das Paradiesgässli: Es kümmert sich um die Kinder von süchtigen oder armutsbetroffenen Eltern. Hier geht es um Verantwortung und Erziehungskompetenz, um Rechts- und Finanzfragen.

Der Barmherzige Samariter machte es vor

«Dabei entscheiden wir nicht über jemanden, sondern mit ihm», betont Franz Zemp. Der Theologe ist seit August 2015 Seelsorger «uf de Gass» und seither für die Menschen am Rand ein Boot-Schafter in vielerlei Hinsicht: er hört zu, hat Zeit, findet die Worte, wenn sie anderen fehlen. Sich einzusetzen für andere sei «eine urchristliche Aufgabe», sagt Zemp, und beruft sich dabei auf den barmherzigen Samariter aus der Bibel, der für den von Wegelagerern Ausgeraubten zu einer Herberge führt und den Wirt für Obdach und Pflege entlöhnt.

Die katholische Kirche Stadt Luzern hatte die Gassenarbeit 1985 gegründet; sie bildet bis heute mit der reformierten Stadtkirche und den drei Landeskirchen die ökumenische Trägerschaft des Vereins Kirchliche Gassenarbeit. Längst fliessen auch staatliche Gelder in die Gassenarbeit; Kirchen und Staat teilen sich die Aufgabe heute in gegenseitiger Verantwortung.

Viele Anlegestellen

Die kirchliche Gassenarbeit Luzern besteht aus fünf Betrieben: der Gassenküche, der Kontakt- und Anlaufstelle, dem Schalter 20, der aufsuchenden Sozialarbeit und der Seelsorge. Vergangenes Jahr nutzten rund 950 Klientinnen und Klienten diese Angebote (siehe Kasten).

Vertreterinnen und Vertreter der Betriebe erklären im ersten Kurzfilm, der im Jubiläumsjahr der Landeskirchen entsteht, was «Kirche kommt an» bei ihnen bedeutet. Im Verlauf des Jahres entstehen drei weitere solche Filme; Regie führt jeweils die Luzerner Filmemacherin Antonia Meile. Von weiteren Anlegestellen berichten die Kirchen in Text und Bild; alle Beiträge sind über die Website kirche-kommt-an.ch verfügbar. Unter anderem führt die Bootsfahrt im Februar zur Notfallseelsorge und am 15. März zum Wallfahrtsort Heiligkreuz.

Dominik Thali

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Praktische Hilfe im Alltag

«Wir wissen, dass es nie eine suchtfreie Gesellschaft geben wird. Die Suchtformen wie auch unser Zielklientel verändern sich indessen ständig. Uns ist es wichtig, zeitgemäss zu bleiben», sagt Franziska Reist, Geschäftsführerin des Vereins Kirchliche Gassenarbeit seit Oktober 2018. Darauf war der Verein schon immer bedacht. So führte er beispielsweise im Jahr 2000 ein damals ein in der ganzen Schweiz einzigartiges Angebot für suchtbetroffene Eltern und ihre Kinder ein – das Paradiesgässli. Dieses feiert nun im Februar 2020 sein 20-jähriges Bestehen. 

Im vergangenen Jahr (2019) nutzten insgesamt 949 Klientinnen und Klienten die Angebote des Vereins Kirchliche Gassenarbeit, durchschnittlich 80 Klientinnen und Klienten suchten täglich die GassenChuchi – Kontakt- und Anlaufstelle auf. 10‘447 Essen wurden ausgegeben, 387 Wunden behandelt. 338 Mal wurde geduscht und 572 wurden Kleider gewaschen. Die Beratungsangebote führten 90 Einkommensverwaltungen und 304 Sozialberatungen und das Paradiesgässli betreute 80 Familien mit deren 100 Kindern.

Wie geraten Menschen in eine ausweglose Situation der Überschuldung? Wann merken sie, dass nur noch eine professionelle Beratung von aussen hilft? Wie hilft die Luzerner Fachstelle für Schuldenfragen – mit Unterstützung der Kirche? Zwei Betroffene geben Auskunft.

Sandra R. (Namen der Betroffenen geändert) arbeitet in einer öffentlichen Verwaltung mit einer Festanstellung von 50 Prozent. Dass sie immer noch Schulden bedrücken und sie nur langsam den Weg aus der Überschuldung findet, sieht man der geschiedenen Frau nicht an. Sie möchte auch nicht, dass das alle mitbekommen, am wenigsten ihre Kinder zwischen acht und zwölf Jahren.

Die Schuldenspirale beginnt sich zu drehen

«Die Schuldenspirale begann mit der Trennung», erzählt Frau R. «Ich erhielt Alimente vom geschiedenen Mann, aber begrenzt, da er selbst schon am Existenzminium lebte. Gearbeitet habe ich zuerst einen Tag. Wegen 100 Franken zu viel Einkommen kam ich nicht in die Sozialhilfe. Zwar konnte ich dann in der Arbeit auf 50 Prozent aufstocken, aber durch das Mehreinkommen verringerten sich die Alimente. Im Endeffekt hatte ich nicht mehr, und es reichte einfach nicht.»

«Die Beratung fand auf Augenhöhe statt, sie verlief immer respektvoll.»

Die Auswirkungen zeigten sich für die alleinerziehende Mutter schnell: Rechnungen sammelten sich an, die Krankenkassenprämien konnte sie nicht mehr vollständig zahlen. Aufgrund einer Senkung der Einkommensgrenze für den Bezug von Prämienverbilligungen der Krankenkasse war sie nicht mehr bezugsberechtigt, die Mehrauslagen konnte sie kaum noch stemmen. Um die Rechnungen trotzdem begleichen zu können, nahm Sandra R. bei Privatpersonen Darlehen auf, später auch einen Bankkredit. «Aber das war natürlich erst recht keine Lösung», denkt sie heute. «Ich versuchte, den Kredit und die Darlehen abzubezahlen, verzichtete oft auf Essen, auf Hygieneartikel, aber ich war trotzdem überall nur am Abzahlen.» Langsam reifte der Entschluss, sich Hilfe zu holen. «Natürlich kostete es grosse Überwindung, zur Schuldenberatung zu gehen und alles offen zu legen, aber es hat sich gelohnt, schliesslich wollte ich auch nie in Konkurs oder Betreibung geraten.»

Nicht in Resignation versinken

Die Beratung bei Barbara Bracher, Leiterin der Fachstelle für Schuldenfragen Luzern, ergab Überraschendes. Der Bankkredit, den Sandra R. mühsam abzahlte, hätte ihr aufgrund ihrer finanziellen Lage nicht in dem Umfang gewährt werden dürfen. Eine Kreditvergabe darf nicht in eine Überschuldung führen, die Tilgungsraten waren für Frau R. nicht tragbar. Und Sandra R. lebte klar unter dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum.

Die Schuldenberatung half Frau R. aus dem Kredit herauszukommen, so dass sie seit einem Jahr über die Dauer von 36 Monaten einen angemessenen Beitrag von monatlich 100 Franken abtragen muss. Die Fachstelle gab Tipps, wo Frau R. durch noch bessere Planung Geld einsparen konnte, und stellte für sie bei der LZ-Weihnachtsaktion einen Antrag auf Übernahme offener Zahnarzt-Rechnungen. Die wichtigste Erfahrung für die geschiedene Frau: «Die Beratung fand auf Augenhöhe statt, sie verlief immer respektvoll.» Und Barbara Bracher habe ihr sehr geholfen, nicht in Resignation zu versinken. Ein Leben mit Schulden sei sehr anstrengend, es ermüde total, wenn man kein Land mehr sehe. Mit jemand zusammen eine klare Planung machen zu können, sei schon eine erste Unterstützung gewesen.

Erleichterung setzt ein

Barbara Bracher bestätigt: «Eine erste grosse Erleichterung setzt bei den Klientinnen und Klienten zum Zeitpunkt der Planung der Rückzahlung ein, nicht erst beim erfolgreichem Abschluss. Wenn sie sehen, dass es eine Lösung gibt.»

Ähnlich hat es auch John P. erlebt. «Die Schuldenberatung hat mir in allem geholfen, beginnend damit, überhaupt einmal Ordnung in alle Rechnungen zu bringen und eine klare Budgetaufstellung zu machen.» Beim heute 34-jährigen begann der Weg in die Schuldenkrise als 18-jähriger. «Ich hatte überhaupt nicht gelernt, mit Geld umzugehen, musste plötzlich selbständig leben und war gar nicht darauf vorbereitet. Zuhause gab es mal viel Geld, dann wieder gar keines. Ich lebte oft über die eigenen Verhältnisse. Rechnungen zahlte ich nicht, auch manche Versicherung nicht. Meine Lebenseinstellung passte nicht zu den gesellschaftlichen Abläufen. Ingesamt fehlte es mir sicher an einem sozialen, stabilen Netz.»

Keine Schuld bei anderen

Aber rückblickend sucht der 34-jährige die Verantwortung nicht bei anderen: «Dass die Schulden am Ende explodierten, dafür bin ich selbst verantwortlich.» Barbara Bracher unterstreicht diese Aussage: «Oft übernehmen unsere Ratsuchenden die Verantwortung für die Entstehung der Schulden. Die meisten verschulden sich jedoch bei Lebensabschnittsveränderungen wie Trennung, Krankheit, Unfall oder auch wegen eines Arbeitsplatzverlustes.».

Bracher fügt hinzu: «Damit eine Sanierung gelingt, brauchen unsere Ratsuchenden eine hohe Motivation.» Nötig seien, wie bei Herrn P., ein geregeltes Einkommen, eine stabile Situation, viel Disziplin. «Verhandlungen mit Gläubigern betreffend teilweisen Schuldenerlass nehmen wir erst nach einer viermonatigen bis halbjährigen Probezeit auf», so die Beraterin.

John P. ist dankbar für den gesetzten Rahmen. Er habe die Sanierung nie als Unfreiheit erlebt, sondern habe einen festen Boden gebraucht. Und dann hätten auch die Gläubiger mitgemacht und im Rahmen eines Dreijahresplans auf 40 Prozent verzichtet. Barbara Bracher ist das wichtig: «Die Gläubiger haben Vertrauen in unsere Schuldenberatung». Ein Schuldenerlass sei meist eine Voraussetzung, damit überschuldete Menschen wieder eine Perspektive auf eine schuldenfreie Zukunft erhalten dürfen. Denn bereits mit der Bedienung hoher Zinsen, Betreibungs- und Zusatzkosten kämen nicht wenige der Ratsuchenden gar nicht mehr zur Tilgung der eigentlichen Schuld. Wenn der Lohn vom Betreibungsamt gepfändet wird, können Betroffene zudem die laufenden Steuern nicht mehr bezahlen, da dieser Betrag im betreibungsrechtlichen Existenzminimum nicht eingerechnet wird. Dies führt zu einer Neuverschuldung. Die Betreibungen im Kanton Luzern nahmen in jüngerer Vergangenheit zu, 2017 waren fast 97‘000 Zahlungsbefehle registriert.

Frühe Warnsignale

Welche Anzeichen haben Sandra R. und John P. als frühe Warnsignale erlebt? Frau R. sagt: «Als sich Rechnungen und Mahnungen sammelten, und wenn ich am Ende des Monats kein Essen mehr kaufen konnte. Ich merkte auch, wie dünnhäutig ich wurde und dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich hätte viel früher zur Schuldenberatung gehen sollen, dann hätte ich schon früher klar gesehen, dass ich unter dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum lebe, und einen besseren Umgang damit gefunden.»

Herr P. schlägt in die gleiche Kerbe: «Wenn Rechnungen und Mahnungen kommen, auf keinen Fall denken, das regelt sich von selbst, sondern die Dinge angehen.» Die Schuldenberatung haben beide als wirkliche Unterstützung erlebt.

Andreas Wissmiller

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Kirche unterstützt Fachstelle

Die Fachstelle für Schuldenfragen Luzern berät kostenlos und vertraulich überschuldete Personen. Diese sollen in einer finanziellen Situation, die ihnen über den Kopf wächst, Ordnung finden und Lösungen angehen können. Die Fachstelle wird finanziert über Prokopfbeiträge aller Gemeinden im Kanton Luzern, Beiträge von Kirchgemeinden im Kanton sowie private Spenden und Mitgliederbeiträge.

  • Fachstelle für Schuldenfragen Luzern, Weinmarkt 20, 6004 Luzern,
  • Mo-Do von 9-12 Uhr
  • 041 211 00 18 | info@schuldenberatung-luzern.ch |www.schuldenberatung-luzern.ch
  • Spendenmöglichkeit: IBAN CH39 0077 8188 2355 9200 1