«Vertrauen entsteht mehr im Alltag als in heiligen Handlungen», sagt Karin Klemm. Sie ist katholische Seelsorgerin im Hospiz Zentralschweiz, wo schwerkranke Menschen ihre letzte Lebensphase verbringen.
Littau Zentrum. Kein Schild weist zum Hospiz Zentralschweiz. Erst neben der Eingangstür ist der Name zu lesen. «Das Hospiz ist fast wie ein Daheim. Zu meiner Wohnung weist ja auch kein Schild», erklärt Karin Klemm und lacht herzlich. Tatsächlich befindet sich das Hospiz, im Januar in Littau eröffnet, in einem Haus, in dem sich zuvor eine Wohnung mit Arztpraxis befand. Die Einrichtung erinnert daran: Da ist die Stube mit Sofa, Bibliothek und Cheminée, eine offene Küche mit einer Theke und Barhockern, eine Kinderspielecke und ein grosser Esstisch. Hier können Patient*innen, Pflegende, Seelsorgerinnen, Freiwillige und Angehörige täglich gemeinsam zu Mittag essen, wenn sie möchten. «Wir teilen Brot und Leben an diesem Tisch, pflegen jesuanische Gastfreundschaft, auch ohne religiöse Worte.»
Würdig verabschieden
Die Tür, durch die die Besucherin hereinkam, lässt sich nur von innen öffnen. «Immer öffnet ein Mensch diese Tür», erklärt Klemm die Willkommenskultur im Haus. Wenn ein/e Patient/in gestorben sei, stehe die Belegschaft des Hauses an dieser Tür Spalier, wenn der Sarg hinausgetragen werde. «Wir wollen unsere Patientinnen würdig verabschieden.» Die 56-Jährige ist die erste festangestellte Hospiz-Seelsorgerin (60 Prozent) in der Schweiz. Ihre Kollegin Marie-Therese Habermacher hat zudem ein 30-Prozent-Pensum in Spiritual Care. «Zu meiner Kompetenz gehört der Umgang mit biblischen und religiösen Texten, die Reflexion von Religiösem und die Gestaltung von Ritualen», sagt Klemm. Manche Patientinnen würden lieber mit einer theologisch gebildeten, andere lieber mit einer psychotherapeutisch gebildeten Seelsorgerin reden.
Vertrauen schaffen
Wie sehr aber sind spezifisch religiöse Kompetenzen hier gefragt? «Ich gehe innerhalb der ersten drei Tage zu jeder neuen Patientin und jedem neuen Patienten und sage: ‹Sie leben jetzt hier bei uns, deshalb möchte ich Sie kennen lernen.›» Mehr nicht, denn nicht wenige hätten Vorbehalte oder schlechte Erfahrungen mit Religion. Dann gehe es darum, miteinander ein Stück Alltag zu leben: Gemeinsam zu Mittag zu essen, ein Gespräch zusammen mit den Angehörigen, von Karin Klemm moderiert.
«Vertrauen entsteht mehr im Alltag als in heiligen Handlungen.» Wenn dieses erst einmal da sei, könne es auch zu Gesprächen über explizit religiöse Themen kommen. «Von mir aus spreche ich solche Themen jedoch nie an.» Auf Wunsch betet sie mit den Patient*innen oder für sie, manche wünschten die Kommunion, die Krankensalbung eher selten.
Klemm erlebt immer wieder, wie wichtig der Beziehungsaspekt auch bei solchen Sakramenten ist. «Wenn bei der Kommunion noch eine vertraute Person, zum Beispiel der Schwager, dabei ist, dann leuchten die Augen mancher Patientin mehr als sonst.» Klemm ist denn auch überzeugt: «Es gibt keine religiöse Bindung ausserhalb von Beziehungen.» Religion fasst sie dabei sehr weit: «Religion soll verbinden, deshalb suche ich die Schnittmenge der Gemeinsamkeiten, auf deren Boden wir Stille suchen und feiern können.» Jesu Gastfreundschaft und Menschenfreundlichkeit seien dabei Richtschnur. «Viele Pflegende sind nicht im kirchlichen Sinne praktizierend, aber wir feiern gemeinsam. Das ist eher postchristlich, aber zutiefst jesuanisch.»
Feste im Kirchenjahr
Gefeiert wird jede Woche eine Wochenabschlussfeier im Raum der Stille. Alle zwei Monate gibt es für die Mitarbeitenden – verpflichtend – eine Gedenkfeier für die in dieser Zeit Verstorbenen. «Hier ist es wichtig, dass wir als Seelsorgende nachspüren: Wer trägt noch etwas mit sich herum?»
Manche Angehörige wünschten ein Abschiedsritual, «dann bieten wir eine kleine Feier im Innenhof an». Auch das Kirchenjahr soll Platz haben: «Der Karfreitag gehört in jede Gesundheitsinstitution», findet Klemm. Sie gestaltet ein Karfreitagsgebet mit einem hölzernen Kreuz. In der Osternacht wurde ein Osterfeuer entzündet und ein Halleluja gesungen, dazu geistliche Gedichte vorgelesen. Auch Advent, Weihnachten und Pfingsten werden Ausdruck finden. Weiter verzichtet das Hospiz bewusst auf religiöse Symbole im Haus. Denn «Religion soll einladen, aber sie darf nicht ausgrenzen». Für Rituale – «je einfacher, desto besser» – eigneten sich auch Tonscherben oder Blumen. Auch den Raum der Stille schmückt einzig eine riesige leere Holzschale, darum herum schwarze Meditationskisse. Karin Klemm hebt die Schale gegen das Licht. Da zeigt sich, dass das Holz an einer Stelle fast durchsichtig ist. «Schönheit im Versehrt-Sein», sagt Klemm.
Sylvia Stam
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Kirchen bezahlen Seelsorge im Hospiz
Das Hospiz Zentralschweiz verfügt über 12 stationäre Betten und 8 Tagesplätze für schwerkranke Menschen in der letzten Lebensphase. Innerhalb eines Jahres weilen hier rund 120 Patient*innen zwischen 36 und 90 Jahren. Manche sterben nach einer Nacht, andere bleiben fünf Monate. Die Landeskirchen der Kantone Luzern, Ob- und Nidwalden, Uri und Zug sowie die Christkatholische Kirchgemeinde Luzern finanzieren die Seelsorge-Stelle (60 Prozent) vorerst für drei Jahre mit insgesamt 100’000 Franken pro Jahr, zuzüglich eines Startbeitrags von 22’000 Franken. Der Anteil der römisch-katholischen Landeskirche Luzern beträgt 50’000 Franken jährlich. Die 30-Prozent-Stelle in Spiritual Care finanzieren die katholische und die reformierte Landeskirche Zug.
Im Heilpädagogischen Zentrum Hohenrain feierten am vergangenen Freitag (23. Oktober 2020) vier Jugendliche ihre Firmung. Im Gottesdienst erhielten die jungen Frauen Rückenwind für ihr Leben.
Trotz erschwerender Corona-Massnahmen erlebten die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher eine frohe und lebendige Feier. Mit Gedanken zur Kraft des Windes, der in die Segel der selbstgestalteten Segelboote bläst, eigenen Fürbitten und Altardienst beteiligten sich die Firmlinge aktiv an der Gestaltung. Unter der musikalischen Leitung von Martin Soom überraschten Kolleginnen und Kollegen sowie Lehrpersonen die Feiernden mit berührenden und schön vorgetragenen Liedern. Behindertenseelsorger Bruno Hübscher brachte den Teilnehmenden das Pfingstgeschehen mit klaren Worten näher. Die Kraft des Heiligen Geistes, als Rückenwind für den richtigen Kurs, wurde den Jugendlichen vom Firmspender Roland Häfliger, Domherr und Pfarrer des Pastoralraums Baldeggersee, in seiner Predigt erklärt. Eindrücklich war der Moment, als er den vier jungen Frauen Simona Ellenberger, Stefanie Hunkeler, Alexia Mangione und Annenicole Ryan das Firmsakrament spendete.
Das gemeinsame Zusammenwirken für das Gelingen des Firmgottesdienstes – dazu gehörte auch Katechetin Bernadette Walthert – war ein wunderbares Erlebnis. Im Anschluss an die Feier genossen die Firmlinge ihren grossen Tag weiter im Kreise ihrer Familien und Gäste.
Die Corona-Situation macht die Weihnachtsplanung für die Kirchgemeinden und Pfarreien zur Herausforderung. Ziel ist, dass Weihnachten mit Zusammensein unter Einhaltung der Schutzmassnahmen möglich ist. Die katholische, reformierte und christkatholisch Landeskirche im Kanton Luzern gehen einen neuen Weg: Erstmals feiern sie ökumenisch das Fest der Geburt Jesu. Ihr gemeinsamer Gottesdienst wird am 25. Dezember auf Tele 1 ausgestrahlt.
Medienmitteilung vom Montag, 19. Oktober 2020
An Ostern konnten aufgrund der ausserordentlichen Lage mit Versammlungsverbot schweizweit keine Gottesdienste stattfinden. Deshalb feierten die drei Landeskirchen des Kantons Luzern Ostern erstmals ökumenisch und im Regionalfernsehen Tele1 gefeiert. «Die Rückmeldungen fielen sehr positiv aus. Insbesondere schätzten die Zuschauerinnen und Zuschauer das gemeinsame Feiern als christliche Kirchen», sagt Renata Asal-Steger, Synodalratspräsidentin der römisch-katholische Landeskirche des Kantons Luzern. Aktuell ist die Situation mit den sehr hohen Corona-Fallzahlen national und kantonal wiederum sehr angespannt. «Im Fernsehen ermöglichen wir einen Zugang für sehr viele. Dies gilt für Risikogruppen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität und es zeigt sich, dass wir auch Menschen mit christlichen Werten erreichen, welche vielleicht nicht analog an einem Gottesdienst teilnehmen würden», so Dr. Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin ad interim der evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Luzern. Der Weihnachtsgottesdienst wird am Freitag, 25. Dezember 2020, um 10 Uhr auf Tele1 ausgestrahlt.
«Kirche kommt an» – trotzdem
Die Luzerner Landeskirchen feiern 2020 ihr 50-jähriges Bestehen. In ökumenischer Verbundenheit planten sie unter dem Motto «Kirche kommt an» verschiedene Anlässe. Aufgrund der Massnahmen gegen das Coronavirus mussten die Aktivitäten zuerst abgesagt, verschoben und jetzt neu geplant werden. «Doch die Kirche ist da und wir gehen auf unterschiedlichen Wegen auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse ein», sagt Esther Albert, Präsidentin christkatholische Kirchgemeinde Luzern.
Am 25. Oktober 1970 wurde im Kanton Luzern das Frauenstimmrecht angenommen, am 7. März 1971 das nationale. Wo steht Gleichberechtigung heute in Gesellschaft und Kirchen? Ein Gespräch mit der Politikerin Cécile Bühlmann und den Kirchenfrauen Renata Asal-Steger und Lilian Bachmann.
Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Was hat sich seither für die Frauen geändert? Cécile Bühlmann: Damals glaubten viele, mit der Einführung des Frauenstimmrechts sei Gleichberechtigung erreicht. Viele Errungenschaften, die wir heute haben, wurden jedoch erst danach von den Frauen erkämpft Lilian Bachmann: Mit dem Frauenstimmrecht wurde der Grundstein für zahlreiche neue Gesetze zu Frauenanliegen gelegt, die ohne die Frauenstimmen so wohl nicht eingeführt worden wären. Insbesondere das neue Ehe- und Scheidungsrecht, die Fristenregelung, die Mutterschaftsversicherung, das BVG-Splitting oder das Gleichstellungsgesetz. Wir haben inzwischen etwa die halbe Strecke erreicht und müssen weiterhin aktiv bleiben.
Wo hapert es noch? Bühlmann: Auch heutige Frauen stecken oft beruflich stark zurück, wenn Kinder kommen. Die Namenswahl ist ein Indiz dafür, dass sich die Frauen stärker zurücknehmen: Die meisten Familien führen selbstverständlich den Namen des Mannes. Die Verantwortung, an alles zu denken, was die Familie betrifft, die sogenannte «mental load», liegt ebenfalls noch mehrheitlich bei den Frauen.
Wollen Frauen und Männer an diesen Rollen gar nichts ändern? Bühlmann: Es liegt tatsächlich nicht nur an den Gesetzen. Es gibt Frauen, die engagieren sich lieber im geschützten Rahmen der Familie. Sich einer bisweilen harten Arbeitswelt oder der Politik zu stellen, braucht Mut. Wer sich einsetzt, setzt sich aus. Renata Asal-Steger: Frauen haben oft das Ganze im Blick: Partnerschaft, Familie, Beruf. Sie wägen ab und fragen sich, ob sie all dies miteinander vereinbaren können. Meine Erfahrung ist, dass sich Männer solche Überlegungen grundsätzlich weniger machen und schneller zusagen: «Es wird schon irgendwie gehen.»
«Frauen würden diese klerikale Priesterkaste, die sich selber zwischen den Laien und Gott verortet, abschaffen»: die Luzerner alt Nationalrätin Cécile Bühlmann. | 2020 Martin Dominik Zemp
Fühlen Sie sich in Ihren Gremien als Frau ernst genommen? Bachmann: Absolut. Wir leben ein Klima der Gleichberechtigung und diskutieren auf Augenhöhe. Unsere Meinungen bringen wir ein, hören einander zu und finden gemeinsam zu Lösungen. Asal-Steger: Auch ich fühle mich in den Gremien der Landeskirche ernst genommen und kann meine Anliegen einbringen. Das kann ich auch in den Gremien auf Bistumsebene oder mit der Bischofskonferenz. Es kommt jedoch nicht selten vor, dass ich dort die einzige Frau bin. Was von meinen Anliegen dann umgesetzt wird, ist eine andere Frage.
Frau Bühlmann, Sie sind 2018 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Warum? Bühlmann: Die römisch-katholische Amtskirche ist eine hierarchische, klerikale Männerkirche. Unter diesem Dach wollte ich nicht mehr länger stehen. Darum war der Austritt für mich ein Akt der Befreiung. Ich kann nicht verstehen, dass katholische Frauen immer noch auf Gleichberechtigung hoffen.
Haben Sie diese Hoffnung noch, Frau Asal-Steger? Asal-Steger: Ja, ich habe sie nach wie vor. Unbestritten ist, dass die katholische Kirche weltweit in einer grossen Glaubwürdigkeitskrise ist. Man realisiert, dass strukturelle Fragen zu Machtmissbrauch geführt haben. Mich lässt hoffen, dass sich viele Katholikinnen und Katholiken für Reformen in der Kirche stark machen Der Frauenbund war kürzlich bei der Bischofskonferenz eingeladen. Frauen vernetzen sich weltweit. Wenn jetzt nicht etwas passiert… Bühlmann: Wie viele Enttäuschungen braucht es noch, bis ihr merkt, dass sich nichts ändern wird? Asal-Steger: Die Kirche und ihre christliche Botschaft liegen mir am Herzen. Sie sind meine religiöse Beheimatung. Ich möchte diese Kirche weiterhin mitgestalten und mich beharrlich engagieren, dass die katholische Kirche glaubwürdige Schritte der Erneuerung geht. Wenn ich draussen bin, kann ich nicht mehr mitreden. Bühlmann: Bischof Felix Gmür ist offen für Gleichberechtigung. Aber was macht er, wenn Rom nein sagt? Asal-Steger: Papst Franziskus hat die Bischöfe mehrfach aufgerufen, mutig zu sein und Lösungen vor Ort zu suchen. Ich meine, reformwillige Bischöfe sollten sich mit Gleichgesinnten vernetzen. Es gibt beispielsweise in Deutschland Bischöfe, die sich für Reformen einsetzen.
«Gelebte Gleichberechtigung, Gleichstellung und Chancengleichheit sind Grundwerte der Reformierten Kirche»: Lilian Bachmann, Präsidentin des Synodalrats der reformierten Luzerner Landeskirche. | 2020 Martin Dominik Zemp
Was können Sie selbst in dieser Sache bewirken? Asal-Steger: Ich leide unter den Diskriminierungen innerhalb der katholischen Kirche. Deshalb engagiere ich mich in «meinen» Gremien für Reformen und habe mich als Präsidentin der RKZ zur Verfügung gestellt. Denn auf der Ebene der Bischofskonferenz wird es in den nächsten Jahren kaum ein weibliches Gesicht geben. Zudem vernetze ich mich, ich habe beispielsweise am Kirchenfrauenstreik teilgenommen. Aber ich weiss, dass ich das Kirchenrecht nicht ändern kann.
Seit wann gibt es in Luzern reformierte Pfarrerinnen? Bachmann: Die reformierte Kirche im Kanton Luzern hat sich im Januar 1970 eine kirchenpolitische Verfassung gegeben und damit den Weg für das kirchliche Frauenstimm- und Wahlrecht frei gemacht. Frauen konnten damit seit Anbeginn der reformierten Landeskirche im Pfarramt wirken. Ordiniert werden konnten sie schon früher, jedoch nicht als Pfarrerinnen in der Kirchgemeinde amten. Daher waren sie häufig in Stellvertretungen oder im kirchlichen Unterricht tätig.
Was würde sich in der katholischen Kirche ändern, wenn Frauen zu Ämtern zugelassen wären? Bühlmann: Sie wäre näher bei den Menschen. Frauen würden diese klerikale Priesterkaste, die sich selber zwischen den Laien und Gott verortet, abschaffen. Sie wären ganz normale Menschen, zwar mit besonderen Funktionen, aber nichts Unantastbares.
Ist das in der reformierten Kirche Realität? Bachmann: Gelebte Gleichberechtigung, Gleichstellung und Chancengleichheit sind Grundwerte der Reformierten Kirche. Frauen sind zu Ämtern und zum Pfarrberuf zugelassen, obwohl die Verteilung noch nicht hälftig ist. Sie sind im Pfarramt sowie im Parlament je zu einem Drittel vertreten, in den Exekutivämtern etwas weniger. Da besteht noch Luft nach oben. Bühlmann: Aber diesen besonderen Status der Kleriker nehme ich bei den Reformierten nicht wahr. Dieses andere Amtsverständnis wäre für mich ein Vorbild.
Der Kanton Luzern war am 25. Oktober 1970 der dritte Deutschschweizer Kanton, der das Frauenstimmrecht auf Kantons- und Gemeindeebene annahm. Das 50-Jahr-Jubiläum soll Gelegenheit sein, «über Fragen zu Gleichberechtigung und Demokratie nachzudenken», wie der dafür gegründete Verein schreibt. In dessen Beirat setzen sich auch die drei Frauen ein, die derzeit an den Spitzen der drei Luzerner Landeskirchen stehen: Renata Asal-Steger, katholische Synodalratspräsidentin, Lilian Bachmann, reformierte Synodalratspräsidentin, und Esther Albert, Präsidentin der Christkatholischen Kirchgemeinde Luzern. Cécile Bühlmann, von 1991 bis 2006 Luzerner Nationalrätin (Grüne), präsidiert mit alt Nationalrätin Judith Stamm (CVP) den Beirat.
Anna Gassmann aus Hildisrieden wollte nach der Matura «etwas anderes» kennenlernen. Neue Erfahrungen sammelte sie schliesslich in einem Waisenheim in den Karpaten. Die Organisation Voyage-Partage, die das möglich machte, spricht von weltkirchlicher Jugendarbeit.
Vom Februar bis Juli packte die 19-Jährige im Heim einer christlichen Stiftung in der Kleinstadt Gheorgheni mit an, in dem rund dreissig Kinder im Alter von fünf bis achtzehn Jahren zuhause sind. Gheorgheni liegt zwar in Rumänien, gleichwohl wird dort aber vorab Ungarisch gesprochen. Anna Gassmann versteht und spricht die Sprache heute recht gut. Es seit «sehr förderlich», meint sie mit Blick auf das geplante Logopädiestudium, einmal eine Fremdsprache von Grund auf zu lernen.
Den Glauben reflektieren
Die Sprache war freilich nicht der Grund, weshalb es Gassmann nach Rumänien zog. Sie habe nach der Matura im Sommer 2019 «einfach etwas anderes» kennenlernen wollen, sagt Anna Gassmann gegenüber dem «Kirchenschiff»: «Eine andere Kultur, eine andere Lebensweise und mich selbst neu.» Als ihr eine Bekannte von Voyage-Partage erzählte, wurde sie neugierig. Ein Ziel der Organisation ist, dass junge Menschen ihre eigenen kulturellen Werte und ihren Glauben reflektieren. Dieser sei ihr wichtig, sagt Gassmann, sie komme aus einer katholischen Familie. Im Heim, in dem die junge Frau sechs Monate mithalf, teilen zwar Gebetszeiten den Tag ein. Dazwischen ging es für sie von früh bis spät handfest zu und her: Frühstück machen, Waschen, mit den Kindern spielen, ein Gutenachtlied singen. Sie habe sich gleich angenommen und einbezogen gefühlt, blickt Anna Gassmann zurück. Für Voyage-Partage sind Einsätze wie jener von Anna Gassmann «weltkirchliche Jugendarbeit», wie Madlen Portmann, Leiterin der Fachstelle in Luzern, sagt. Das Volontariatsprogramm wolle ermöglichen, «dass eine Begegnung zwischen jungen Menschen aus der Schweiz und Menschen aus anderen Ländern stattfindet und somit ein interkultureller und religiöser Dialog auf Augenhöhe entsteht». Zurzeit vermittelt Voyage-Partage etwa zehn Volontariate pro Jahr.
«Das nehme ich mit»
Die Rückkehrerinnen und Rückkehrer sollen die sozialen und interkulturellen Kompetenzen, die sie erworben haben, mit Menschen in der Schweiz teilen und sich so für die weltweite Solidarität einsetzen – ein Austausch, an dem sich auch Anna Gassmann beteiligt. Sie habe in Rumänien «ein neues Stück Heimat» gefunden, in das sie sicher wieder zurückkehre. Ihr hat es dort vor allem die erlebte Offenheit angetan: «Die Menschen sind viel herzlicher, gehen viel mehr aufeinander zu. Das habe ich dort gelernt, das nehme ich mit.»
Dominik Thali
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Eine Auszeit mit Tiefgang erleben
Voyage-Partage ist ein Freiwilligenprogramm, das vorab junge Menschen ansprechen will, zum Beispiel in einem Zwischenjahr nach der Matura oder einer Auszeit nach der Lehre. Voyage-Partage wurde 1991 in der Westschweiz gegründet und besteht heute als Verein mit Sitz in Luzern. Trägermitglieder sind die Römisch-Katholische Zentralkonferenz (noch bis 2021), katholische Ordensgemeinschaften und weitere kirchliche Organisationen.
Auf dem (katholischen) Kirchenschiff stehen sie nicht am Steuer. Doch in der Besatzung spielen sie eine wichtige Rolle: Katechetinnen und Katecheten machen die Musik an Bord. Die Luzerner Landeskirche setzt sich seit ihrer Gründung für deren Aus- und Weiterbildung ein.
Um ihre Arbeit machen sie meist kein Aufhebens. Aber sie ist grundlegend im Pfarreialltag: Katechetinnen und Katecheten öffnen Kindern und Jugendlichen Raum zum Fragen und Suchen, sie führen sie ins Nachdenken über das eigene Leben. Gelingt ihnen das, bleiben viele an Bord.
Von der Pfarrei ermutigt
Was dafür entscheidend ist, zeigen die Gründe, weshalb Frauen – Männer sind es selten – sich für den Bildungsgang Katechese der katholischen Kirche in der Deutschschweiz entscheiden. Mitte September stiegen 15 von ihnen mit zwei Schwerpunkttagen im Bildungshaus Hertenstein in die dreijährige Ausbildung ein. «Ich hatte keine so gute Katechetin, das war schade», erinnert sich Cristina Fehr. Das wolle sie besser machen. Fehr, 28 und Sekundarlehrerin im Kanton Zürich, erteilt bereits Religionsunterricht auf der Oberstufe. Sie erlebe die Jugendlichen «mega interessiert». Andrea Arnold wiederum war von der Katechetin, die ihre ältere Tochter auf auf die Erstkommunion vorbereitete, «so begeistert, dass ich dachte, das wärs doch auch für mich», erzählt sie. Die Pfarrei Willisau, in der sie mitmacht, hat sie ermutigt, die Ausbildung zur Katechetin zu machen. Arnold, 42, ist gelernte Fotofachangestellte.
Die zwei Beispiele seien typisch, sagt Ueli Rüttimann, der mit Gabrijela Odermatt die Module des Partnerkantons Luzern im ForModula-Baukasten verantwortet (siehe Kasten). Katechetinnen seien oft die ersten Ansprechpartnerinnen, mit denen es Kinder und ihre Familien im kirchlichen Umfeld zu tun bekämen. Gefragt seien also Fachwissen, Methodenvielfalt und erzieherisches Geschick. Odermatt knüpft hier an: Die vielfältige Tätigkeit der Katechetinnen sei «enorm wichtig» für die Pfarreien, sagt sie. Odermatt will den Frauen «einen umfassenden Überblick über eine zeitgemässe Religionspädagogik bieten» und sie «befähigen, den Glauben an Gott, der uns Wegweiser ist für ein gelingendes Leben, anderen zugänglich zu machen».
Ein «radikaler beruflicher Wechsel»
«Ich will die Kids einfach packen», fasst Margerita Bisaku diesen Anspruch zusammen. Die 35-jährige aus Emmenbrücke steht nach einer Lehre im Detailhandel und einer kaufmännischen Weiterbildung vor einem «radikalen beruflichen Wechsel», wie sie selbst sagt. Darauf freut sie sich: «Religion und Glauben waren mir und in meiner Familie schon immer wichtig.» Sabrina Knüsel, auch sie aus Emmenbrücke, geht es ähnlich: 29 ist die medizinische Praxisassistentin, hat drei Kinder und viele Fragen ans Leben, auf die sie erst einmal für sich selbst Antworten sucht. Die zwei Tage in Hertenstein haben sie darin bestätigt, dass die Richtung stimmt: «Jetzt habe ich richtig Lust auf mehr!»
Dominik Thali
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In drei Jahren zur Katechetin/zum Katecheten
Die Ausbildung zur Katechetin/zum Katecheten nach ForModula ist gesamtschweizerisch modularisiert und dauert um die drei Jahre. Die katholische Kirche im Kanton Luzern beteiligt sich daran. Die Ausbildung befähigt die Absolventinnen und Absolventen, Religionsunterricht zu erteilen und in den Pfarreien ausserschulisch tätig zu sein, zum Beispiel in der Sakramentenvorbereitung, Liturgiegestaltung oder in der katechetischen Arbeit mit Erwachsenen. Die modularisierte Ausbildung gibt es seit 2011. Bis heute haben sie im Kanton Luzern rund 70 Personen abgeschlossen. Zuvor hatte die Luzerner Landeskirche in alleiniger Veranwortung Katechetinnen und Katecheten ausgebildet. Auf universitärer Stufe gibt es daneben das Studium als Religionspädagogin/Religionspädagoge. Es dauert ebenfalls drei Jahre und schliesst in der Regel mit dem Bachelor ab.
«Anerkennen»: So lautet das Motto des Aufrufs von Kirchen und Kanton Luzern in ihrem Aufruf zum Bettag vom 20. September. Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj und Regierungspräsident Reto Wyss über Anerkennung in der Politik und die Rolle der Kirchen im Staat.
Der Bettagsaufruf ist so etwas wie eine Sonntagspredigt mitten im politischen Alltag. Warum überhaupt diese Aktion? Reto Wyss: Der Bettag ist von der Geschichte her ein staatlicher Feiertag. Daraus leiten Kanton und Kirchen ihren gemeinsamen Bettagsauftritt ab, der seit 2009 praktiziert wird. Der Bettagsaufruf ist also keine Alibiübung und auch kein Traktandum, das in der Regierung nicht die erforderliche Beachtung findet. Wir setzen uns mit dem Text auseinander.
Inwiefern? Reto Wyss: Die Regierung unterschreibt den Aufruf und will zu ihren Aussagen stehen können. Es soll sich in dieser heiklen Konstellation Kirche und Staat niemand vor den Kopf gestossen fühlen.
Ylfete Fanaj, Sie gehören als Muslimin schon seit Jahren der Arbeitsgruppe an, welche die Bettagsaktion vorbereitet? Warum dieses Engagement? Ylfete Fanaj: Der Bettagsaufruf ist auch von der Islamischen Gemeinde als nicht anerkannte Religionsgemeinschaft unterschrieben. Für mich ist das eine symbolisch wichtige Botschaft von Gemeinsamkeit und Dialog. Ich leiste nur einen kleinen Beitrag. Aber gerade im Sinne des diesjährigen Mottos «Anerkennen» sind auch kleine Zeichen wichtig, um die Wertschätzung für die kirchliche Arbeit auszudrücken.
Sie haben vor kurzem mit der Wahl zur Kantonsratspräsidentin grosse Anerkennung erfahren. Wie wichtig ist Ihnen das? Ylfete Fanaj: Anerkennung tut gut, in welcher Position auch immer. Man sollte sie im Alltag noch viel mehr ausdrücken. Manchmal sind es Kleinigkeiten, mit denen man Menschen wertschätzen und bestärken kann. Insbesondere, wenn wir ihnen zuhören und etwas Zeit schenken.
Als Regierungsrat erhält man in der Regel mehr Kritik als Anerkennung. Reto Wyss: Jeder Mensch braucht Anerkennung. Natürlich bekommen wir nicht gerade jeden Tag Liebesbriefe. Aber es gibt immer wieder Momente und Gelegenheiten, bei denen Bürgerinnen und Bürger – Bekannte und Unbekannte – ihre Anerkennung und Wertschätzung ausdrücken. Ich denke, das ist ein mindestens so wichtiger Faktor, um eine Arbeit gut und mit Freude auszuüben, wie der materielle Teil. Darum ist es wichtig, dass wir Menschen in ihren unterschiedlichsten Tätigkeiten Respekt und Anerkennung zollen. Unsere Gesellschaft funktioniert nur, wenn alle Rädchen sich drehen.
Sie beide haben für ihr «Regierungsjahr» ein Motto gewählt, das dem «Anerkennen» des Bettagsaufrufs sehr ähnlich ist: Verbinden. Das steht heute etwas quer in der Politlandschaft, wo meistens das Trennende, die Abgrenzung betont wird. Reto Wyss, Sie gehören einer sogenannten Mittepartei an: Wie schwierig ist es im politischen Alltag, «die Mitte» zu finden? Reto Wyss: Es ist insbesondere schwierig, eine Mitteposition als politische Leistung zu verkaufen. Diese Erfahrung haben wir in der CVP in den vergangenen Jahren machen müssen. Kompromisse haben im politischen Alltag oft den Ruf des «faulen Kompromisses». Ich bin jedoch unvermindert der Überzeugung, dass es der Schweiz so gut geht, weil wir im Grundsatz den Konsens anstrengen. Darum ist es wichtig, für Kompromisse einzustehen und auf gemeinsame Lösungen hinzuarbeiten.
«Anerkennung ist ein mindestens so wichtiger Faktor, um eine Arbeit gut und mit Freude auszuüben, wie der materielle Teil.»
Reto Wyss, Regierungspräsident
Ylfete Fanaj, als Sozialdemokratin gehören Sie in der gängigen Diktion einer Pol-Partei an. Wie wichtig sind für Sie Werte wie Verbinden und Kompromisse? Ylfete Fanaj: Ebenfalls mit Blick auf unsere Geschichte stelle ich fest: Erst dann, als wir anerkannt haben, dass man durchaus verschiedene Meinungen haben und trotzdem einen gemeinsamen Weg gehen kann, erst dann sind wir in der Schweiz weitergekommen und erfolgreich geworden. Wir haben als politische Parteien unterschiedliche Rollen. Polarisierung entsteht, wenn man sich ausgeschlossen fühlt. Es ist wichtig, dass die grösseren Parteien die kleineren anerkennen und bereit sind, die Minderheiten in den Dialog einzubeziehen und in die Verantwortung einzubinden. Das war in unserm Kanton in den letzten Jahren – zum Teil der finanziellen Lage geschuldet – nicht gegeben.
Sie unternehmen jetzt gemeinsam einen Versuch des Verbindens: Was können Sie konkret tun, damit möglichst viele Menschen «das Gemeinsame statt das Trennende entdecken», wie es in Ihrem Motto heisst? Reto Wyss: Es soll mehr als ein Motto sein. Wir planen gemeinsame Veranstaltungen, bei denen wir mit möglichst vielen Menschen unseres Kantons ins Gespräch kommen wollen. Wir wollen insbesondere auch zeigen, dass wir zuhören können und nicht einfach unsere Botschaften überbringen. Ylfete Fanaj: Ja, es geht um eine Haltung, die unser Jahr an der politischen Spitze des Kantons prägen soll. Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und das Verbindende betonen. Diese Überzeugung soll bei allen unseren Auftritten und Aktivitäten spürbar sein.
Anerkennen und Verbinden: Wie wichtig sind die Kirchen in diesem Bereich? Ylfete Fanaj: Kirchen und Religionsgemeinschaften leisten einen enorm wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Sie bieten Gemeinschaft, Lebenshilfe, Spiritualität und Seelsorge. Und ganz zentral: Sie ergänzen staatliche Leistungen sehr wirkungsvoll. Darum ist ihre öffentlich-rechtliche Anerkennung so bedeutsam. Aber auch die nicht offiziell anerkannten Religionsgemeinschaften leisten wichtige Arbeit. Reto Wyss: Das kann ich nur bestätigen. Ich spüre das bei meiner Tätigkeit immer wieder. Die Kirche nimmt uns im gesellschaftlichen und sozialen Bereich einen Teil der Arbeit ab und ist eine wertvolle Ergänzung, die wir hoch schätzen. Die Partnerschaft mit den drei Landeskirchen und den weiteren Religionsgemeinschaften hat sich in den vergangenen Jahren sehr bewährt.
Die Kirchen verlieren Mitglieder und damit finanzielle Mittel. Droht eine Verschärfung der Lage im sozialen Bereich, weil ja auch der Staat eher auf der Sparbremse steht? Ylfete Fanaj: Wir müssen uns bewusst sein, dass jeder Kirchenaustritt dazu beiträgt, dass der Staat längerfristig wieder mehr Aufgaben übernehmen muss. Ich bedaure jeden Kirchenaustritt, auch wenn ich viele Gründe gut verstehe. Aber man entzieht damit nicht dem Vatikan, sondern der Kirche vor Ort jene Mittel, die sie sehr sinnvoll einsetzt. Etwa bei der Gassenarbeit, Freiwilligenarbeit oder im Asylwesen.
«Kirchen und Religionsgemeinschaften bieten Gemeinschaft, Lebenshilfe, Spiritualität und Seelsorge. Und ganz zentral: Sie ergänzen staatliche Leistungen sehr wirkungsvoll.»
Ylfete Fanaj, Kantonsratspräsidentin
Der Asylbereich birgt auch Konfliktpotenzial zwischen Kirche und Staat. Etwa wenn es um Kirchenasyl geht. Da stehen sich Staatsräson und Gewissen manchmal im Weg. Reto Wyss: Das ist so. Entscheide zu fällen, die für Menschen einschneidende Folgen haben, führt manchmal zu schweren inneren Konflikten. Als Politiker sind wir aber dem Recht verpflichtet und müssen unsere Arbeit auf den Grundlagen der Gesetze leisten. Es ist auf der anderen Seite legitim, dass eine Kirche in gewissen Fragen eine pointiertere Haltung einnimmt, weil sie eine ganz andere Grundlage hat. Ylfete Fanaj: Wir leben in einem Rechtsstaat und in diesem Rahmen müssen wir uns alle an die Gesetze halten, egal, welche Gesinnung wir haben. Und trotzdem finde ich es wichtig, dass die Kirchen die Aufmerksamkeit auf Anliegen besonders verletzlicher Gruppen legen und deren Rechte einfordern. Sie sollen und müssen ihre Stimme erheben, den Finger auf wunde Punkte legen und so zum moralischen Kompass für uns Politikerinnen und Politiker werden.
Vor 50 Jahren hat der Kanton Luzern die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte Kirche als Landeskirchen anerkannt. Das gilt schon seit 1932 auch für die christkatholische Gemeinde. Heute stellt sich die Frage, ob nicht weitere Religionsgemeinschaften, insbesondere der Islam, eine öffentlich-rechtliche Anerkennung erhalten müssten. Wie ist der Stand der Dinge im Kanton Luzern?
Reto Wyss: Mit der Totalrevision der Staatsverfassung wurde die Grundlage für die Anerkennung weiterer Religionsgemeinschaften geschaffen. Seither gab es mehrfach Überlegungen und Gespräche in dieser Richtung. Aber zu konkreten Ergebnissen haben diese Bemühungen bisher nicht geführt.
Ylfete Fanaj: «Das Gesetz regelt die Voraussetzungen und das Verfahren», heisst es in der Verfassung. Doch dieses Gesetz existiert noch nicht. Und die Zeit dafür ist – realistisch betrachtet – noch nicht reif. Auch die heutigen Landeskirchen mussten einen weiten Weg gehen, bevor sie anerkannt wurden. Das ist ein langer politischer Prozess. Darum ist es wichtig, dass wir uns heute auf diesen Weg machen. Wenn wir überzeugt sind, dass die Religionsgemeinschaften einen wichtigen gesellschaftlichen Stellenwert haben, dann müssen wir auch über die Nichtanerkannten reden. Sie haben heute eine rechtliche Stellung wie ein Fussballverein. Der verstärkte Dialog und eine verbindlichere Zusammenarbeit etwa mit dem Islam böte auch Gelegenheit, Sachverhalte zu klären und Ängste abzubauen.
Reto Wyss: Grundsätzlich einverstanden. Die bisherigen Bemühungen aber haben deutlich gezeigt, dass es in der Praxis einige handfeste Probleme gibt. Wir haben zum Beispiel keinen einheitlichen Ansprechpartner. Auch in der Frage der steuerlichen Hoheit gibt es noch viele ungelöste Fragen. Wir machen es uns nicht einfach und es ist wohl noch ein langer Weg.
Ylfete Fanaj: Das ist so. Aber der Kanton kann auf diesem Weg Unterstützung bieten. Das beginnt bei alltagspraktischen Fragen wie etwa, bei der Seelsorge Lösungen zu finden. Vor allem müsste der Kanton klar kommunizieren, dass er gewillt ist, diesen Weg zu gehen und die anstehenden Probleme anzupacken.
Haben Sie Ihrerseits aus Sicht der Politik ein Anliegen an die Kirchen und Religionsgemeinschaften?
Reto Wyss: Ich wünsche mir, dass wir unsere Partnerschaft, die gegenseitige Ergänzung und Zusammenarbeit weiterhin pflegen können. Sie kommt letztlich der gesamten Luzerner Bevölkerung zugute.
Ylfete Fanaj: Sie sollen eine andere Sicht öffnen für uns Politikerinnen und Politiker, die wir oft gefangen sind im Tagesgeschäft und eingebunden in unsere Parteien. Stimmen von aussen zu hören, ist deshalb sehr wertvoll.
Zum Schluss: «Der Bettag sollte auch ein Denk-Tag» sein, heisst es im Aufruf des Regierungsrats und der Kirchen. Kommen Sie im hektischen politischen Alltag überhaupt noch dazu, vertieft nachzudenken?
Reto Wyss: Ich hoffe schon, dass sich die Reflexion nicht nur auf den Bettag beschränkt. Ich selber versuche, mir immer wieder Zeitfenster herauszunehmen. Eine gute Gelegenheit sind etwa die Sommerferien. Da kann ich mich über längere Zeit in ein Thema vertiefen. Wichtig ist mir auch, regelmässig über meine eigene Arbeit nachzudenken: Was mache ich, und wie mache ich es?
Ylfete Fanaj: Ich funktioniere etwas anders.Wenn ich ein Zeitfenster habe, um über etwas nachzudenken, dann kommen mir meistens nicht besonders gute Ideen. Die besten Denkanstösse erhalte ich in Gesprächen mit verschiedensten Menschen. Beim Philosophieren bei einem guten Essen etwa. Darum ist es mir wichtig, genügend Zeit zu reservieren für Freundschaften und Diskussionen.
Interview: Stefan Calivers, Chefredaktor des «Willisauer Bote»
Anerkennen: Kirchen und Kanton Luzern stellen dieses Jahr ihre Aktion zum Bettag unter dieses Motto. Geplant war im Jubiläumsjahr der Landeskirchen, die Bevölkerung am Bettag zu einer öffentlichen Feier in die Festhalle Willisau einzuladen. Dieser Anlass musste wegen der Corona-Schutzmassnahmen abgesagt werden. So wird der Bettag im gewohnten Rahmen mit örtlichen Feiern begangen. Plakate und Spots in den Bussen weisen auf die Aktion hin. Zusätzlich schalten die Kirchen Zeitungsinserate mit dem Sujet des Bettagsplakats 2020. Sie legen dabei den Fokus auf das «Danke» im Bettag. Denn es gibt für sie allen Grund dafür, Danke zu sagen: Als Kirchen für die ihnen geschenkte Anerkennung, der Bevölkerung für die Solidarität, welche die Gesellschaft in dieser herausfordernden Zeit trägt. Das Interview mit Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj und Regierungspräsident Reto Wyss ergänzt diese Kampagne. Es erscheint in vielen Zeitungen im Kanton Luzern.
Die drei Luzerner Landeskirchen und der Kanton treten seit 2009 mit einer Aktion zum Bettag an die Öffentlichkeit. Daran beteiligt sich jeweils auch die Islamische Gemeinde Luzern. Die Aktion soll dazu beitragen, dass der Bettag von der Bevölkerung unseres Kantons wahrgenommen wird und zum Nachdenken anregt.
Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wird seit 1848 in allen Kantonen jeweils am dritten Sonntag im September gefeiert. Obwohl der Bettag an Bedeutung verloren hat und nicht mehr alle Kantonsregierungen eigene Bettagsworte herausgeben oder sich an solchen beteiligen, hat ein staatlicher, über Konfessionsgrenzen reichender Feiertag bis heute seinen Sinn nicht verloren. Im Kanton Luzern gilt der Bettag weiterhin als Hoher Feiertag, in einer Reihe mit dem Karfreitag, dem Ostersonntag oder dem Weihnachtstag.
In der Gruppe «Mein Weg» verbringen junge Menschen mit und ohne Behinderung Zeit miteinander. Sie teilen ihren Alltag, sie kochen zusammen, sie feiern. Die Gruppe, getragen von der katholischen und reformierten Landeskirche, besteht seit zehn Jahren.
Um die 20 Namen stehen auf der Adressliste von «Mein Weg», etwa die Hälfte traf sich am Freitag Abend (4. September) auf der Terrasse der katholischen Landeskirche, um das Jubiläum zu feiern. Mit dabei auch Max Scheitlin (29), der 2008 in einem Gespräch mit dem damaligen Behindertenseelsorger Gregor Gander den Wunsch geäussert hatte, eine Jugendgruppe von Menschen mit und ohne Behinderung zu bilden. Die Idee nahm Gestalt an, und am 5. Mai 2010 fand das erste Treffen statt. Seither ist «Mein Weg» für viele Jugendliche ein wichtiger Freundeskreis.
«Ein unkompliziertes Miteinander»
«Es geht um einen Austausch und die Darstellung seiner grossen sowie kleinen Wünsche, Ziele und Lebensträume – um eine Vision ihres Lebens», schrieb der Max Scheitlin damals in einer Medienmitteilung. Hans Sutter, reformierter Sozialdiakon im Ruhestand, spricht heute von einem «unkomplizierten Miteinander». Er leitet die Gruppe mit Heidi Bühlmann von der Behindertenseelsorge der katholischen Landeskirche. Seit 2010 fanden rund 50 Treffen statt. Es gab schon Filmabende, Spielen und Kochen sind beliebt, viele Treffen richten sich nach den Jahreszeiten und Kirchenfesten, Religion und Glaube spielen immer wieder eine Rolle. «Wir machen alles gerne», hatte Brigitte Kunz im Mai 2019 in einem «Kirchenschiff»-Beitrag erklärt; am Jubiläumsabend ist sie mit ihrem Partner Gilbert Löhle wiederum dabei. Wichtig sei ihr, bei «Mein Weg» Freundinnen und Freunde zu treffen, die sie nicht oft sehe, und über Themen in den Austausch zu kommen, die nicht alltäglich seien.
Sandra Dietschi, welche «Mein Weg» von 2015 bis 2019 mitgeleitet hatte, erinnert sich an «berührende Gespräche», die sie oft erlebt hat: «Ihr lasst uns Anteil nehmen an euren Geschichten, das ist nicht selbstverständlich», dankte sie am Jubiläumsabend den Anwesenden. In der Gruppe «Mein Weg» werde nicht nur von Inklusion gesprochen, «hier wird sie gelebt», hatte Dietschi schon im erwähnten «Kirchenschiff»-Artikel betont.
Bisherige Leitungspersonen: auf katholischer Seite Gregor Gander (2010–2015), Sandra Dietschi (2015–2019) und Heidi Bühlmann (seit 2019), auf reformierter Seite Stefan Sägesser (2013–2015), Hans Sutter (seit 2015)
KONTAKT: Heidi Bühlmann, Behindertenseelsorge der kath. Landeskirche, 041 419 48 43, heidi.buehlmann@lukath.ch
Zwei katholische und zwei reformierte Jugendliche der Heilpädagogischen Schule Luzern feierten am Freitag Morgen, 4. September ihre Firmung, bzw. Konfirmation in der Kirche St. Anton in Luzern. Auf das Fest vorbereitet worden waren sie durch die Katechetinnen Christel Gysin und Yvonne Blum. Sie hatten sich darüber ausgetauscht, wie man das Vertrauen auf Gott vertiefen und selber dazu beitragen kann, dass Gott in den Begegnungen mit den Nächsten erfahrbar wird. Diesen göttlichen Geist des Wohlwollens und des Mutes wurde ihnen an der Firmung und Konfirmation durch Bischofsvikar Hanspeter Wasmer und Pfarrerin Margrit Schönholzer zugesprochen.
«Dass solche ökumenischen Feiern in der Behindertenseelsorge seit mehreren Jahren möglich sind, freut mich sehr», sagt der katholische Behindertenseelsorger Bruno Hübscher. Das Jubiläumsboot der Landeskirchen, das vor der Kirche anlegte, habe auch aufzeigen sollen, «dass wir in Zukunft noch mehrt zusammenarbeiten und uns gegenseitig ergänzen möchten», sagt Hübscher.
Kirche ist, wo Menschen leben und sich begegnen. Im Sommer also auch auf der Alp. Im Entlebuch macht sich der reformierte Pfarrer mit dem Töff zu ihnen auf den Weg, und seine katholischen Kollegen segnen die Alpen. Was beide wollen: Anteil nehmen, ein Stück Leben teilen.
Auf der Alp Oberwisstanne ist die Kirche weit weg. Der Himmel dafür umso näher. Hier, auf 1507 Metern Höhe, verbringen Margrit (56) und Benz Fink (55) seit vielen Jahren den Alpsommer. Heuer mit 11 Kühen, 30 Guschti, 15 Kälbern – und 2 Eseln. Im Rücken der Alphütte ragt der Böli hoch, ein Zipfel der Schrattenfluh, nach vorne verliert sich der Blick in der Entlebucher Bergwelt.
«Die Leute dort besuchen, wo sie sind»
Die Oberwisstanne ist eine von 45 Alpen in Flühli, der grössten Gemeinde des Kantons. Erst vor 20 Jahren wurde sie mit einer Strasse erschlossen. An diesem Morgen ist Marcel Horni (62) diese hochgefahren. Jetzt legt er den Helm ab und den mitgebrachten Kuchen auf den Stubentisch. Marcel, gesiezt werden hier nur die hohen Herren, ist Pfarrer in Escholzmatt, drei Jahre nun schon und zuständig fürs obere Entlebuch, 1200 Reformierte. Das Motto der feiernden Landeskirchen, «Kirche kommt an», ist für ihn selbstverständliches Programm: «Man muss die Leute doch dort besuchen, wo sie sind», sagt er. Im Sommer sei das nun mal bei vielen Bauern und Bäuerinnen auf der Alp. Am liebsten ist er dorthin mit dem Töff unterwegs. Weil er damit überall durch- und – vor allem – besser ankommt. «Anders jedenfalls, als wenn ich in den Halbschuhen käme», hat Marcel schon erfahren. «Die Menschen sind offener und nehmen sich mehr Zeit.» Wotsch es Kafi?, heisse es oft schon bald.
Wie heute bei den Finks. Margrit tischt Währschaftes auf, schenkt ein und nach. Das Gespräch dreht sich um das Leben, um den Alltag auf der Alp also ebenso wie den Wald oder die Mutter im Altersheim. Und die Kirche. Benz sagt dazu keine langen Sätze. Die Kirche sei «etwas, das es einfach braucht», meint er, irgendwo müsse man schliesslich Halt finden, gerade wenn etwas passiere. Sie seien beide keine grossen Kirchgänger, fügt Margrit an, «aber einen Glauben haben wir natürlich trotzdem». Sie stammt vom Kemmeriboden, er aus dem Emmental; nach mehreren Pachten im Bernbiet konnte die reformierte Familie vor 16 Jahren einen Betrieb in Sörenberg erwerben.
«Das schätzen wir»
Der Pfarrer in seiner Töffkluft hört zu, nickt dann und wann. Seine Aufgabe sieht er darin, Anteil zu nehmen, mit den Menschen ein Stück Leben zu teilen. Die Alp-Besuche sind eine Gelegenheit dazu. Anteil nehmen: Er und die Mitglieder des Kirchenvorstands bringen aus diesem Grund auch das Glas Honig, das die Kirchgemeinde jeweils im Advent den über 75-Jährigen schenkt, am liebsten persönlich vorbei. Seine Wahrnehmung der Welt um ihn habe sich durch diese Seelsorgebesuche «extrem verändert», stellt Marcel fest. Wind und Wetter hätten hier im Bergbauerngebiet eine andere Bedeutung als im Unterland. «Und in den Ferien fotografiere ich bereits schöne Kühe.»
Benz und Margrit nicken. Dass der Pfarrer, den sie sonst kaum je treffen, «alle gleich behandelt, auch wenn sie so näbedusse wohnen», freue sie, sagt Benz. «Das schätzen wir sehr.»
Viele Seelsorgerinnen und Seelsorger besuchen im Sommer in ihren Gebieten die Älplerinnen und Älpler. Urs Corradini etwa, das katholische Gegenüber von Marcel Horni und Pastoralraumleiter im mittleren Entlebuch, nimmt sich jedes Jahr etliche Tage Zeit, um die Alpen zu segnen – natürlich auch jene von reformierten Älplerinnen und Älplern. Es ergebe sich meistens ein Gespräch, berichtet er, «dann beten wir miteinander und ich spende den Alpsegen». Den Segen mit einem Bibeltext bringt Corradini ausgedruckt mit und gibt ihn den Älplerinnen und Älplern, die ihn oft in der Stube aufhängen. Das Seelsorgeteam legt für diese «sehr schöne Aufgabe» (Corradini) weite Wege zurück. Manche Alpen sind nur von Berner Kantonsgebiet her erreichbar, vom Kemmeriboden.